Basteln und Tüfteln geht auch zu Hause: Stereo-Lochkamera

Fotografieren ist zur Zeit Einschränkungen unterworfen, und gute Fotograf.innen machen daraus eigenständige, kreative Projekte, wie zum Beispiel https://stayathome.photography, ein  inspirierendes und faszinierendes Dialogprojekt, bei dem immer zwei Fotograf.innen aus zum Teil sehr unterschiedlichen Teilen der Welt in einen Bilderdialog treten. Und Analogfotograf.innen treffen sich „im Labor“, respektive auf Instagram unter dem Hashtag #idevelopathome.

Was natürlich ebenfalls immer noch möglich ist, wenn man zu Hause bleiben muss, ist Basteln und Tüfteln. Schon vor  längerer Zeit habe ich mir vorgenommen, eine Stereo-Lochkamera zu basteln – und heute ist sie endlich fertig und erfolgreich getestet worden.

 

Innenleben mit Bildtrenner

Das erste Bild ist ein #stayathome-Bild, unser Garten.
Belichtungszeit bei Mittagssonne: 30 Sekunden; Positiv 4-5 Sekunden.

Das Papierpositiv muss dann noch zugeschnitten werden für den über 100 Jahre alten Stereobetrachter, auf das Format 7 x 13 cm – und die beiden Bilder müssen noch den Platz wechseln!

 

 

Aufgeben gilt nicht! Aktiv werden statt moralisieren.

Das neue Jahr fängt ja mitnichten besser an als dass das alte aufgehört hat – ob all der schlechten Nachrichten fällt es mir nicht ganz leicht, nicht in eine „Ist-ja-alles-egal-ich-kann-ja eh-nichts-bewirken-Rückzug-ins-Private-Stimmung“ zu verfallen. Aber da Aufgeben nicht gilt, und einfach nur das eigene Verhalten zu ändern die Welt auch nicht rettet, hier der Hinweis auf das hoffnungsvollste Buch, das ich 2019 gelesen habe:

In „Schluss mit der Ökomoral“ listet Michael Kopatz auf, wo man  im Wirkungsradius von Einzelpersonen, z.B. auf kommunaler Ebene, etwas Systemveränderndes bewirken kann. Systemverändernd, weil: „Du bist für den Klimaschutz und handelst nicht danach? Das geht allen so. Deswegen musst du die Verhältnisse ändern!“ Kopatz breitet einen reichen Vorrat an Ideen, Überlegungen, Anregungen aus zu verschienen Themenfeldern, in denen man aktiv werden kann um Strukturen so zu verändern, dass Öko zum Normallfall wird (und es den Einzelnen dadurch leicht fällt) – Themen wie  Wohnen, Strom, Essen, Mobilität, Einkaufen, Arbeiten. Kopatz fordert: Kriegt den Arsch hoch!

Selbstermächtigung statt Resignation, Widerstand und (politisch) aktiv werden statt Selbstkasteiung, verändern statt moralisieren: Im individuellen Verhalten entspannt unterwegs sein und politisch „den Arsch hochkriegen“ ist die Devise – für mich eines der wichtigsten Bücher 2019.

Michael Kopatz: Schluss mit der Ökomoral. Oekom-Verlag 2019.
Webseite des Autors: https://www.oekoroutine.de 

 …und zum Schluss noch dies: auf https://showyourstripes.info kann man sich die Abweichungen der jährlichen Durchschnittstemperaturen grafisch darstellen lassen – pro Land. Für die Schweiz sieht das so aus (1880-2018):

Nimmt man die Schweizer Daten, ergänzt sie für 2019 um einen weiteren Streifen und packt das Muster in Wolle, sieht das dann so aus:

„Warming Stripes“ ist die gängige Bezeichnung der Grafik.
Als Schal – ein leicht zynisches Wortspiel.

Dystopien lesen (oder auch nicht)

Ich hatte immer schon einen Hang zu Science Fiction, seit Max Kruses „Urmel fliegt ins All“, und Sience Fiction ist praktisch durchwegs dystopisch (auch die Urmel-Geschichte hat zumindest dystopische Elemente).

(Warum eigentlich? Hat mir jemand Tipps für nicht-dystopische Science Fiction? Ausser Becky Chambers, deren Wayfarer-Geschichten erstaunlich un-dystopische Seiten haben, kenne ich kaum etwas. Und nur weil etwas lustig ist, heisst es nicht, dass es sich nicht um eine Dystopie handelt – wie z.B. der Hitchhiker’s Guide to the Galaxy .)

Aber in letzter Zeit ist mir die Lust am Dystopien lesen vergangen. Die Zeitung reicht eigentlich. Und dennoch habe ich das Bedürfnis, mich auch mit Geschichten mit der Gegenwart und möglichen Zukunften auseinanderzusetzen – darum habe ich dieses Jahr Romane gelesen wie z. B. „Die Mauer“ (John Lanchester), „Maschinen wie ich“ (Ian McEwan), Brave new world (Aldous Huxley), und – natürlich! – den grossartigen Roman „GRM Brainfuck“ von Sibylle Berg.

Heute in der Lieblingsbuchhandlung jedoch habe ich „Schönes Neues England“ von Sam Byers wieder ins Regal zurückgestellt. Die Sunday Times verspricht, es sei  „ein genialer Roman über den Onlineausverkauf der Seelen“, und der Verlag beschreibt die Geschichte als eine Auseinandersetzung mit „einer ach so schönen neuen Welt: Wie wollen wir wohnen und arbeiten? (…) das Panorama einer Gesellschaft nach dem Brexit, deren Verwerfungen auch die persönlichsten Beziehungen erschüttern.“

Es wurde mir auf einmal zu viel. Ich will unsere schreckliche Gegenwart und Zukunft nicht unbedingt ständig als Thema meiner Lektüre. Als Realität, in der die erzählten Geschichten spielen, jedoch schon. Aber ich muss nicht erst eine Geschichte lesen,  um zu glauben, dass es um unsere Zukunft düster bestellt ist, das glaube ich auch so – ich möchte lieber mehr Geschichten lesen, die Ideen entwerfen, wie menschliches Leben in dieser Zukunft aussehen könnte.

Ich habe dann „Duffy“ von Dan Kavanagh gekauft. Ein rabenschwarzer 80er-Jahre-Krimi. Zur Zeit ist mir schreckliche Vergangenheit lieber als schreckliche Zukunft.

 

In 101’000 Schritten durch Wien

Harald Nägeli, der „Sprayer von Zürich“, hat an die Wand der Düsseldorfer Kunsthochschule einen Flamingo gesprayt. Das hat ihm ein Verfahren wegen Sachbeschädigung eingebracht, das Anfang Monat nun gegen eine Geldauflage eingestellt worden ist. Nägeli findet, dies sei keine Sachbeschädigung und die Geldstrafe „eine Peinlichkeit“.

Obenstehender Flamingo verziert eine Hauswand in Wien (3. Bezirk). Ist dieser Flamingo auch Kunst – oder ist er eine Sachbeschädigung? Wann ist ein Graffiti Kunst? Wenn es Kunst ist, gelten dann Vorschriften nicht mehr? Und wer soll so etwas entscheiden dürfen?

Viereinhalb Tage waren wir in Wien und haben in 101’000 Schritten die Stadt er-flaniert. Flanieren ist eine sehr angemessene Fortbewegungsart durch eine Stadt, die man entdecken möchte. Sie ist langsam genug, um in alle Richtungen blicken und viele Details wahrnehmen zu können. Man kann jederzeit unkompliziert anhalten, um sich etwas noch genauer ansehen zu können. Durch die ständige Bewegung ist man dafür auch aufmerksam genug.

Die Wissenschaft vom Flanieren heisst übrigens Promenadologie oder, noch viel schöner auf Englisch: Strollology. Und das ist keine sehr ernste Sache, aber sehr ernst gemeint.

Auf meinen Flanierereien durch Städte fotografiere ich meistens. Aus Wien habe ich eine Graffiti-Foto-Sammlung (Link auf Flickr) mitgebracht, ein paar Beispiele: