























Diesen Sommer habe ich jedes Mal, wenn ich in einem See oder Fluss baden war, Abfall eingesammelt. Das mache ich zwar eigentlich immer, aber dieses Jahr habe ich einen Teil der Funde nach Hause genommen und von den Objekte Blaupausen gemacht.
Walensee-Funde








Maggia-Funde





Strandfunde aus San Terenzo, Ligurien, Italien







Wir haben Flugscham, wir haben Fleischscham, wir haben Kleiderkaufscham. Wir fliegen, essen Fleisch und kaufen Kleider, obwohl wir wissen: Fliegen, Ernährung, Fast Fashion sind zentrale Klimaerwärmungstreiber. Wir wissen auch: Wichtig ist Wandel auf Systemebene. Einzelne Handlungen einzelner Menschen sind im Einzelfall fast irrelevant – und darauf hinzuarbeiten, wie es die Neoliberalen Ideolog:innen gerne hätten, dass alle Einzelnen sich dazu entschliessen, alle ihre einzelnen Handlungen klimaneutral(er) zu machen, dauert bestenfalls viel, viel zu lange und ist realistischerfalls sowieso unrealistisch.
Dennoch schämen wir uns weiter. Wie Luise Neubauer dies in der Pierre Krause Show vom 12.9.21 auf den Punkt gebracht hat: Du kannst schon versuchen, zu fliegen ohne dich zu schämen, aber die Flugscham ist nun mal da, die kriegst du nicht mehr weg.
Dieses Gefühl müssen wir ernst nehmen. Menschen wollen, dass ihre Handlungen zu ihren Werten und Überzeugungen passen. Fliegen tut das bei sehr vielen Menschen nicht mehr – und dennoch tun sie es nach wie vor. Das erzeugt eine Spannung, wir schämen uns – und versuchen, die Spannung aufzulösen, in dem wir unsere Werte und Überzeugungen verdrängen oder gar anpassen. Das stabilisiert ein System, dem wir letztlich diese Spannung zu verdanken haben: Die fehlende Kerosinbesteuerung, die schlechten internationalen Zugverbindungen, das Billigfleisch, ausbeuterische Produktionsprozesse in der Textilindustrie.

Wir müssen als Gesellschaft an einen Punkt kommen, dass die Spannung, die durch das auseinanderklaffen individueller Werte und Verhaltensweisen auslöst, ausgehalten wird – das ist eine schwierige Sache! – und die dadurch erzeugte Energie nicht im Verdrängen der Werte, sondern in Handlungen transformiert wird: Bestenfalls wird die Energie nicht komplett in Anpassung des eigenen Verhaltens gesteckt, sondern in Arbeit an der Veränderung des Systems – eines Systems, das näher an den Werten und Überzeugungen ist. Das löst diese Spannung nämlich viel nachhaltiger auf.
P.S.: Es gibt Menschen, die haben sozusagen Meta-Flugscham, sie schämen sich für ihre Scham und kokettieren dann wild in der Gegend herum, wie dieser Fragesuchende, der sich heute an den grossartigen Peter Schneider gerichtet hat.
Je länger, je mehr stört es mich, wenn wir vom „digitalen Raum“ sprechen.
Denn der Digitale Raum ist vieles, aber eines ist er nicht: Ein Raum!
Wenn sich Menschen treffen, geschieht dies in der Regel in einem Raum, die Menschen teilen die Raumerfahrung. Treffen sich Menschen im „digitalen Raum“, sehen und hören sie sich zwar, aber sie teilen keine Raumerfahrung. Es sind reale, aber unüberwindlich von einander verschiedene und getrennte Räume.

Die Räume der andern in einer Videokonferenz zu sehen, trennt uns noch mehr voneinander, als wir sowieso schon getrennt sind: Die Distanz ist augenfällig. Wenn wir auf „Meeting verlassen“ drücken, sind wir abrupt in unsere je eigenen Räume zurückgeworfen, die wir gar nie verlassen haben. Diese Distanz zu überwinden ist anstrengend, man muss es bewusst tun, und es braucht viel Fantasie und noch mehr Empathie.
Der Digitale Raum ist unendlich, geruchlos, per se geräuschlos, hat keine Temperatur und kein Licht.
Vielleicht sollten wir folglich besser von Digitall sprechen?
P.S.: Sehr schön nachdenken darüber, was Räume sind, kann man in der Ausstellung „Total Space“ im Museum für Gestaltung, noch bis 20. Juni 2021.
P.P.S.: Der englischsprachige Ausdruck „digital space“ bietet eine schöne Zweideutigkeit an: Raum und Lücke. Beides in einem Wort. Das passt doch ziemlich gut.