Archiv der Kategorie: Kunst

Mimosen im Darkroom

Phytochemofotogramm auf altem KodabromIII RC (18 cm x 24 cm)

Ich habe selten Schnittpflanzen im Haus, ich finde es irgendwie unelegant, Blumen zu töten, damit sie dann ein paar Tage für mich schön vor sich hinwelken. Anfang März bin ich aber schwach geworden: Mimosen riechen halt so gut…

Nachdem der Strauss nicht mehr schön war und damit begonnen hatte, seine Blätter und Blüten im Wohnzimmer zu verstreuen, habe ich aber versucht, noch möglichst viel aus ihm herauszuholen, bevor er im Abfall verschwindet. Es gab daraus mehrere Lumenprints, denn ich habe ein paar Papiere getestet. Unten z.B Kentmere (50 x 70 cm), ein Papier, von dem ich ziemlich viel habe und das ich für ein Projekt diesen Sommer verwenden möchte. Ich habe den ganzen Mimosenstrauss in eine Lösung mit Vitamin C und Soda eingelegt. Zusammen mit den Phenolen der Mimosen ergibt dies einen einfachen Entwickler. Legt man diesen getränkten Strauss dann zwei Stunden auf dem Papier an die Sonne, entsteht ein sogenanntes Phytolumen. Das Kentmere-Papier ist für Lumenprintvarianten ein Glücksfall, es scheint so, dass es sich seine Farben – anders als diejenigen der allermeisten Fotopapiere – mit dem Fixieren kaum verändern.

Phytolumen eines Mimosenstrausses auf Kentmere Fotopapier, fixiert (50 cm x 70 cm)

Nun aber zum Bild ganz oben. Zur Zeit ist gerade regnerisches und bewölktes Wetter, und da ich für meine Lumenprints viel UV-Licht, also Sonne, brauche, muss ich mich nach anderen Tüfteleien umsehen (ich könnte mit der UV-Lampe arbeiten, ich habe sogar eine – aber dabei fehlt mir die Poesie). So habe ich mir gedacht, wenn ich die Technik „Phyto-/Chemogramm“ mit der Technik „Fotogramm“ kombiniere, brauche ich nur die Dunkelkammer, und keine Sonne! Gedacht, getan:

Ich habe also die letzten Überreste des Mimosenstrausses noch einmal in Soda – Vitamin C- Lösung eingelegt, in der Dunkelkammer auf ein Fotopapier drapiert, im Dunkeln 24 Stunden liegen gelassen und dann ein Fotgramm gemacht. Dabei wird das Fotopapier mit „etwas drauf“ kurz belichtet und dann ganz konventionell entwickelt und fixiert.

Meine Idee hat ganz gut funktioniert: Das Entwickeln hat das Chemogramm nicht ganz weggewaschen, und die Mimosen haben auch das Papier leicht verfärbt.

Ich finde, das Resultat hat etwas Poetisches. Normale Fotogramme bilden lediglich ab, was auf dem Papier WAR. Das auf-dem-Papier-gelegen-Habende selber ist beim fertigen Bild abwesend. Bei diesem Bild hingegen ist, wie dies auch bei Phytolumen der Fall ist, die abgebildete Pflanze selber direkt an der Bildgestaltung beteiligt – sie ist nicht nur umrissgebend, sondern auch entwickelnd und färbend und daher in ganz materiellem Sinn zumindest in Spuren immer noch anwesend.

Jahresrückblick 2024: 12 Monate, 12 Lieder

Januar

Brainticket: Cottonwoodhill (1971)
Die Vertonung eines LSD-Trips. Gilt bis heute als eines der psychedelischsten Alben überhaupt.

Februar

Bonaparte: Ermutigung (2024)
Weil Wolf Biermann leider immer noch gültig ist. Und Bonaparte das gut ins Heute holt.

März

Cosmo Sheldrake: Old Ocean (2024)
Ganz liebe Musik.

April

The Libertines: Oh Shit (2024)
Ach, die werden auch nicht jünger. Aber immer noch gut.

Mai

Korpiklaani: No perkele! (2024)
Endlich wieder mal etwas Neues von den Waldschraten aus Nordfinnland!

Juni

Purple Negative: We Hope It’s a Son. (2024)
Ferienvorbereitung-Deep-Dive, lettische Musik; hier ein bisschen Punk.

Juli

Sufi Dub Brothers, Ashraf Sharif Khan & Viktor Marek: Drive me on the floor. (2020)
Hamburg meets Pakistan, Elektro meets Sitar

August

Gustav Holst: Die Planeten (1914-16)
Mein Soundtrack zur Lektüre von Barbara Zemans Roman „Beitegeuze“

September

Worries and Other Plants: Isernia. (2024)
Die Schallplatte ist schneeweiss! Das passt ganz gut zur Musik.

Oktober

24/7 Diva Heaven:  Rat Race (2024)
Punk aus Berlin.

November

King Hannah: The Mattress (2024)
Muss man sich auch trauen, so einen Text zu schreiben. Und ja: Mehr als auf dem Bild gezeigt geschieht nicht.

Dezember

Noga Erez: DUMB (2024)
Entzieht sich immer wieder den Hörerwartungen.

Ein Kunst-Trip der ganz besonderen Art

Natürlich ist es ein first world problem, aber Kunst und Kultur fehlen mir sehr. Keine Ausstellungen besuchen zu können, nicht ins Theater und nicht an Konzerte zu können, setzt mir mehr zu als ich gedacht hätte. Umso dankbarer bin ich, dass der grossartige Wetz und das ebenso grossartige KKLB-Team einen Kunst-Trip aufgebaut hat, der 24/7 geöffnet und frei zugänglich ist. Eine wunderbare Kombination von hochprofessionell und improvisiert!

So ist in der winterlich-trüb-kalten Luzerner Landschaft eine Insel der Kreativität entstanden, das ein Feuerwerk an Ideen zündet, hinter dem  ein nicht-elitäres Kunstverständnis steht, das mir sehr behagt. Und dass man auf diesem Trip auch noch eine Feuerwerksrakete in einem geschlossenen Raum abfeuern kann, ist auch ein besonderes Erlebnis.

Viel Luzerner Winterlandschaft und ein Schulbus, der Teil eines Kunstwerks werden möchte
Einblick in die geschlossene Ausstellung: Werk von Valentin Beck im Entstehen begriffen.
Hier überwintern Igel
Mitmachkunst: Erforschen des Verhaltens einer Feuerwerksrakete im geschlossenen Raum