Archiv des Autors: KatiaBlog

Lumenprint-Tagebuch: Im Garten

Morgen um 10.01 ist Tag-und-Nacht-Gleiche, der wichtigste aller Frühlingsanfänge. Es wäre langsam an der Zeit, den Garten aufzuräumen und für die neue Saison bereit zu machen. Bloss habe ich so gar keinen grünen Daumen und auch sehr wenig Freude an der Gartenarbeit. Ich lasse unseren kleinen Garten lieber machen, was er will und schaue ihm dabei zu. Wir haben ihn auch so eingerichtet, dass dieses Vorgehen gut ist: Wir haben Sträucher und Bäume, die man einmal im Jahr zurückschneiden muss, Blumen, die sich von selber ausbreiten, eine Wiese, die nur einmal im Jahr einen Schnitt braucht.

Ein klein bisschen was muss man aber trotzdem noch tun, sei’s drum. Heute habe ich im grossen Topf, in dem seit Jahren der Schnittlauch tapfer immer wieder spriesst, die verdorrten Stängel von letztem Jahr rausgerupft. Das muss für heute reichen.

Verdorrter Schnittlauchstängel. Lumenprint auf altem Orwo-Fotopapier

Dystopien lesen (oder auch nicht)

Ich hatte immer schon einen Hang zu Science Fiction, seit Max Kruses „Urmel fliegt ins All“, und Sience Fiction ist praktisch durchwegs dystopisch (auch die Urmel-Geschichte hat zumindest dystopische Elemente).

(Warum eigentlich? Hat mir jemand Tipps für nicht-dystopische Science Fiction? Ausser Becky Chambers, deren Wayfarer-Geschichten erstaunlich un-dystopische Seiten haben, kenne ich kaum etwas. Und nur weil etwas lustig ist, heisst es nicht, dass es sich nicht um eine Dystopie handelt – wie z.B. der Hitchhiker’s Guide to the Galaxy .)

Aber in letzter Zeit ist mir die Lust am Dystopien lesen vergangen. Die Zeitung reicht eigentlich. Und dennoch habe ich das Bedürfnis, mich auch mit Geschichten mit der Gegenwart und möglichen Zukunften auseinanderzusetzen – darum habe ich dieses Jahr Romane gelesen wie z. B. „Die Mauer“ (John Lanchester), „Maschinen wie ich“ (Ian McEwan), Brave new world (Aldous Huxley), und – natürlich! – den grossartigen Roman „GRM Brainfuck“ von Sibylle Berg.

Heute in der Lieblingsbuchhandlung jedoch habe ich „Schönes Neues England“ von Sam Byers wieder ins Regal zurückgestellt. Die Sunday Times verspricht, es sei  „ein genialer Roman über den Onlineausverkauf der Seelen“, und der Verlag beschreibt die Geschichte als eine Auseinandersetzung mit „einer ach so schönen neuen Welt: Wie wollen wir wohnen und arbeiten? (…) das Panorama einer Gesellschaft nach dem Brexit, deren Verwerfungen auch die persönlichsten Beziehungen erschüttern.“

Es wurde mir auf einmal zu viel. Ich will unsere schreckliche Gegenwart und Zukunft nicht unbedingt ständig als Thema meiner Lektüre. Als Realität, in der die erzählten Geschichten spielen, jedoch schon. Aber ich muss nicht erst eine Geschichte lesen,  um zu glauben, dass es um unsere Zukunft düster bestellt ist, das glaube ich auch so – ich möchte lieber mehr Geschichten lesen, die Ideen entwerfen, wie menschliches Leben in dieser Zukunft aussehen könnte.

Ich habe dann „Duffy“ von Dan Kavanagh gekauft. Ein rabenschwarzer 80er-Jahre-Krimi. Zur Zeit ist mir schreckliche Vergangenheit lieber als schreckliche Zukunft.

 

In 101’000 Schritten durch Wien

Harald Nägeli, der „Sprayer von Zürich“, hat an die Wand der Düsseldorfer Kunsthochschule einen Flamingo gesprayt. Das hat ihm ein Verfahren wegen Sachbeschädigung eingebracht, das Anfang Monat nun gegen eine Geldauflage eingestellt worden ist. Nägeli findet, dies sei keine Sachbeschädigung und die Geldstrafe „eine Peinlichkeit“.

Obenstehender Flamingo verziert eine Hauswand in Wien (3. Bezirk). Ist dieser Flamingo auch Kunst – oder ist er eine Sachbeschädigung? Wann ist ein Graffiti Kunst? Wenn es Kunst ist, gelten dann Vorschriften nicht mehr? Und wer soll so etwas entscheiden dürfen?

Viereinhalb Tage waren wir in Wien und haben in 101’000 Schritten die Stadt er-flaniert. Flanieren ist eine sehr angemessene Fortbewegungsart durch eine Stadt, die man entdecken möchte. Sie ist langsam genug, um in alle Richtungen blicken und viele Details wahrnehmen zu können. Man kann jederzeit unkompliziert anhalten, um sich etwas noch genauer ansehen zu können. Durch die ständige Bewegung ist man dafür auch aufmerksam genug.

Die Wissenschaft vom Flanieren heisst übrigens Promenadologie oder, noch viel schöner auf Englisch: Strollology. Und das ist keine sehr ernste Sache, aber sehr ernst gemeint.

Auf meinen Flanierereien durch Städte fotografiere ich meistens. Aus Wien habe ich eine Graffiti-Foto-Sammlung (Link auf Flickr) mitgebracht, ein paar Beispiele:

to whom it may concern

Manchmal, ja manchmal frage ich mich schon, ob ich es nicht übertreibe. Wenn ich alle und jeden bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hinweise, dass Vergnügungsreisen mit dem Flugzeug so ungefähr das Schlimmste überhaupt sind. Und wenn dann sehr geschätzte KollegInnen vor mir zu verheimlichen versuchen, dass sie z.B. nach Zypern in die Ferien geflogen sind, ja, spätestens dann kommen mir leichte Zweifel – denn das war ja eigentlich nicht mein Ziel. Ich komme mir dann ein bisschen vor wie der übereifrige junge Mann im Lied von Lo & Leduc, der auch nicht merkt, wann genug ist, und der übers Ziel hinausschiesst. Nur – bei ihm trifft die Katastrophe nur ihn. Beim Klima trifft sie uns alle. Und das war jetzt schon wieder ein kleines bisschen selbstgerecht, ich weiss.

Aber wenn ich dann noch erfahre, dass das neuste Ding bei den jungen Zürcher Partypeople Party  machen in Belgrad sei – der Flug kostet gerade mal 70 Franken, und die Party selber so viel weniger als in Zürich, dass es sich «lohnt» – dann denke ich: Meine Selbstgerechtigkeit ist immer noch die kleinere Untugend als Eure Klimagleichgültigkeit.

Und da ich mir aber trotzdem immer noch ein kleines bisschen vorkomme, wie der übers Ziel hinausschiessende 079-Stürmi, habe ich mal versucht, den Songtext etwas anzupassen.

Et voilà (zu lesen vorzugsweise zum richtigen Soundtrack: https://www.youtube.com/watch?v=QS7HYQvWYt4 ):

 2 Grad zvill

Gäb er wenigschtens en gute Grund a
Per favore
Nja ey
Per favore
Oh, gäbt er wenigschtens
en gute Grund a
Per favore
De gäbs nume no 10 Milione
Usrede, ja

“ich flüg uf Maui” het er gseit
«du weisch ich ha Luscht» het er gseit
Nidmau sorry het er gseit, ey
Und ich frag en ob er wüss – nüt, nüt het er gseit nüt nüt.

«Ich flüg uf Maui» het er geseit
«Du weisch ich ha Luscht» het er gseit
Nidmau sorry het er gseit, ey
Und ich frag en ob er wüss – nüt nüt nüt het her gseit
Yeah.

Er list jede Tag Ziitig und möcht
au e Lösig ha
Wer list hüt no Artikel über s Klima? Vili
Chönds nümme gsee.
Ich dänkt nur no ich und zwei anderi.
Heisst, es änderet sich drümal nüt.
Är chönt uf alls verzichte, alls
Nume ufs Flüge sicher nid.

Gäbt er wenigschtens e gute Grund a
Per favore
Da gäbs nume noch 10 Millione
Uusrede, ja.

Und wenn ich ihm de jede Tag eine vo dene Artikel schick
De chönnts maximal nume sächsehalb Jahr lang ga bisers tscheggt.

“ich flüg uf Maui” het er gseit
«du weisch ich ha Luscht» het er gseit
Nidmau sorry het er gseit, ey
Und ich frag en ob er wüss – nüt, nüt het er gseit nüt nüt.

«Ich flüg uf Maui» het er geseit
«Du weisch ich ha Luscht» het er gseit
Nidmau sorry het er gseit, ey
Und ich frag en ob er wüss – nüt nüt nüt het her gseit nütt nütt

Und ich bin sit Jahre scho
gfühlt im falsche Film
Und am Schluss bliibt tatsächlich
Numeno wenig Hoffning, numeno wenig
Und woni mich a der heb
mit zittrige Finger
Und ich bi sicher,
es muss doch möglich si

Gseni plötzlich das alls verbi isch
Vor luter Flüge gsends d Folge nid
Händ no wele brämsä aber es langt
Lang nid
D Lüüt renned und alles verlangsamt sich

«2 Grad zvil» hend si gseit
«Wie isch das nume passiert?» hei si geseit
«Huere Siech», hend si gseit, ja
Und sie schreied nach de Politik «hie hie hie» hend sie gseit, «hie hie»

«2 Grad zvil» hend si gsei
«Wie isch das nume passiert?», hei si gseit
«Huere Siech» hei si gseit, ja
Und si winked de Politik, «hie hie hie», hend si gseit, «hie hie»