Archiv der Kategorie: Unterwegs

Ein Kunst-Trip der ganz besonderen Art

Natürlich ist es ein first world problem, aber Kunst und Kultur fehlen mir sehr. Keine Ausstellungen besuchen zu können, nicht ins Theater und nicht an Konzerte zu können, setzt mir mehr zu als ich gedacht hätte. Umso dankbarer bin ich, dass der grossartige Wetz und das ebenso grossartige KKLB-Team einen Kunst-Trip aufgebaut hat, der 24/7 geöffnet und frei zugänglich ist. Eine wunderbare Kombination von hochprofessionell und improvisiert!

So ist in der winterlich-trüb-kalten Luzerner Landschaft eine Insel der Kreativität entstanden, das ein Feuerwerk an Ideen zündet, hinter dem  ein nicht-elitäres Kunstverständnis steht, das mir sehr behagt. Und dass man auf diesem Trip auch noch eine Feuerwerksrakete in einem geschlossenen Raum abfeuern kann, ist auch ein besonderes Erlebnis.

Viel Luzerner Winterlandschaft und ein Schulbus, der Teil eines Kunstwerks werden möchte
Einblick in die geschlossene Ausstellung: Werk von Valentin Beck im Entstehen begriffen.
Hier überwintern Igel
Mitmachkunst: Erforschen des Verhaltens einer Feuerwerksrakete im geschlossenen Raum

In 101’000 Schritten durch Wien

Harald Nägeli, der „Sprayer von Zürich“, hat an die Wand der Düsseldorfer Kunsthochschule einen Flamingo gesprayt. Das hat ihm ein Verfahren wegen Sachbeschädigung eingebracht, das Anfang Monat nun gegen eine Geldauflage eingestellt worden ist. Nägeli findet, dies sei keine Sachbeschädigung und die Geldstrafe „eine Peinlichkeit“.

Obenstehender Flamingo verziert eine Hauswand in Wien (3. Bezirk). Ist dieser Flamingo auch Kunst – oder ist er eine Sachbeschädigung? Wann ist ein Graffiti Kunst? Wenn es Kunst ist, gelten dann Vorschriften nicht mehr? Und wer soll so etwas entscheiden dürfen?

Viereinhalb Tage waren wir in Wien und haben in 101’000 Schritten die Stadt er-flaniert. Flanieren ist eine sehr angemessene Fortbewegungsart durch eine Stadt, die man entdecken möchte. Sie ist langsam genug, um in alle Richtungen blicken und viele Details wahrnehmen zu können. Man kann jederzeit unkompliziert anhalten, um sich etwas noch genauer ansehen zu können. Durch die ständige Bewegung ist man dafür auch aufmerksam genug.

Die Wissenschaft vom Flanieren heisst übrigens Promenadologie oder, noch viel schöner auf Englisch: Strollology. Und das ist keine sehr ernste Sache, aber sehr ernst gemeint.

Auf meinen Flanierereien durch Städte fotografiere ich meistens. Aus Wien habe ich eine Graffiti-Foto-Sammlung (Link auf Flickr) mitgebracht, ein paar Beispiele:

Vom Wundern und Staunen in Kammern

Ich liebe Wunderkammern. Sie lassen mich staunen und träumen von Reisen in andere Welten. Wenn immer mich eine Reise in eine Gegend führt, in der es eine hat, muss ich sie sehen.

Wunderkammern entstanden etwa ab dem 14. Jahrhundert. Es sind Sammlungen von Raritäten und Kuriosa aus Natur, Kunst und Wissenschaft; zusammengetragen und gezeigt mit der Absicht, etwas über die Welt zu verstehen. Betritt man eine Wunderkammer, muss man mit Narwalzähnen, optischen Instrumente, Skarabäen, Kunsthandwerk aus fernen Ländern, medizinischen Präparaten und so weiter rechnen. Wunderkammern gelten als Vorläufer der Museen.

Gedrechseltes zum Staunen in der Wunderkammer Jacob von Melles

Im Lübecker St.-Annen-Museum ist die Wunderkammer von Jacob von Melle zu besichtigen. Von Melle (1659-1743) war Pastor an der Lübecker St. Marien-Kirche und ein Universalgelehrter und Sammler. Seine Sammlung legte den Grundstock für das St. Annen-Museum, das in der Tat immer noch etwas von einer riesengrossen Wunderkammer an sich hat (inklusive obligatorischem Alligator und Kugelfisch in der Alchemistenstube).

In einem Raum des Museums ist die ursprüngliche Melle-Wunderkammer-Sammlung ausgestellt. Sie umfasst vorwiegend Kunst und Kunsthandwerk: Aeyptische Kleinstatuen, römische Vasen, chinesische Porzellanfiguren, die mit der Zunge wackeln, kunstvolle Drechseleien und als Krönung eine astronomische Uhr. Leider sind die einzelnen Objekte überhaupt nicht erklärt, aber das Museumspersonal ist sehr nett und hilfsbereit: An der Museumskasse bekamen wir den Dokumentations-Ordner der MuseumsführerInnen zur Einsicht, der zu allen Objekten Hintergrundinformationen bereithält.

Astronomische Uhr

Wikipedia listet eine Reihe von noch erhaltenen Wunderkammern auf. In der Liste fehlen aber drei wichtige und besonders schöne: Die Wunderkammer Obricht in Berlin, Harrys Hafenbasar in Hamburg und die Wunderkammer im Museum von Swansea (Wales). Alle drei einen Besuch sehr wert!