Archiv des Autors: katiaweibel

Flugscham ernst nehmen

Wir haben Flugscham, wir haben Fleischscham, wir haben Kleiderkaufscham. Wir fliegen, essen Fleisch und kaufen Kleider, obwohl wir wissen: Fliegen, Ernährung, Fast Fashion sind zentrale Klimaerwärmungstreiber. Wir wissen auch: Wichtig ist Wandel auf Systemebene. Einzelne Handlungen einzelner Menschen sind im Einzelfall fast irrelevant – und darauf hinzuarbeiten, wie es die Neoliberalen Ideolog:innen gerne hätten, dass alle Einzelnen sich dazu entschliessen, alle ihre einzelnen Handlungen klimaneutral(er) zu machen, dauert bestenfalls viel, viel zu lange und ist realistischerfalls sowieso unrealistisch.

Dennoch schämen wir uns weiter. Wie Luise Neubauer dies in der Pierre Krause Show vom 12.9.21 auf den Punkt gebracht hat: Du kannst schon versuchen, zu fliegen ohne dich zu schämen, aber die Flugscham ist nun mal da, die kriegst du nicht mehr weg.

Dieses Gefühl müssen wir ernst nehmen. Menschen wollen, dass ihre Handlungen zu ihren Werten und Überzeugungen passen. Fliegen tut das bei sehr vielen Menschen nicht mehr – und dennoch tun sie es nach wie vor. Das erzeugt eine Spannung, wir schämen uns – und versuchen, die Spannung aufzulösen, in dem wir unsere Werte und Überzeugungen verdrängen oder gar anpassen. Das stabilisiert ein System, dem wir letztlich diese Spannung zu verdanken haben: Die fehlende Kerosinbesteuerung, die schlechten internationalen Zugverbindungen, das Billigfleisch, ausbeuterische Produktionsprozesse in der Textilindustrie.

Graffiti, Livorno 2020

Wir müssen als Gesellschaft an einen Punkt kommen, dass die Spannung, die durch das auseinanderklaffen individueller Werte und Verhaltensweisen auslöst, ausgehalten wird – das ist eine schwierige Sache! – und die dadurch erzeugte Energie nicht im Verdrängen der Werte, sondern in Handlungen transformiert wird: Bestenfalls wird die Energie nicht komplett in Anpassung des eigenen Verhaltens gesteckt, sondern in Arbeit an der Veränderung des Systems – eines Systems, das näher an den Werten und Überzeugungen ist. Das löst diese Spannung nämlich viel nachhaltiger auf.

P.S.: Es gibt Menschen, die haben sozusagen Meta-Flugscham, sie schämen sich für ihre Scham und kokettieren dann wild in der Gegend herum, wie dieser Fragesuchende, der sich heute an den grossartigen Peter Schneider gerichtet hat.

Das Digitall

Je länger, je mehr stört es mich, wenn wir vom „digitalen Raum“ sprechen.

Denn der Digitale Raum ist vieles, aber eines ist er nicht: Ein Raum!

  • Ein Raum hat vier Dimensionen. Ja, auch Zeit, Spuren der Zeit sind in Räumen sichtbar: Ein Raum hat eine Geschichte.
  • Ein Raum riecht. Oder stinkt.
  • Ein Raum hat einen Klang. Es hat Dinge und Lebewesen drin, die Geräusche machen, surren, lärmen, zirpen, heulen, quietschen.
  • Ein Raum hat eine Temperatur, oder sogar mehrere. In der Regel sind Räume oben wärmer als unten. Vielleicht zieht es auch.
  • Ein Raum verhält sich zu Licht, er ist hell, sonnendurchflutet, verdunkelt, fensterlos…

Wenn sich Menschen treffen, geschieht dies in der Regel in einem Raum, die Menschen teilen die Raumerfahrung. Treffen sich Menschen im „digitalen Raum“, sehen und hören sie sich zwar, aber sie teilen keine Raumerfahrung. Es sind reale, aber unüberwindlich von einander verschiedene und getrennte Räume.

Die Autorin beim Versuch, sich nicht in den unendlichen Weiten eines Spiegeloktagons zu verlieren.

Die Räume der andern in einer Videokonferenz zu sehen, trennt uns noch mehr voneinander, als wir sowieso schon getrennt sind: Die Distanz ist augenfällig. Wenn wir auf „Meeting verlassen“ drücken, sind wir abrupt in unsere je eigenen Räume zurückgeworfen, die wir gar nie verlassen haben. Diese Distanz zu überwinden ist anstrengend, man muss es bewusst tun, und es braucht viel Fantasie und noch mehr Empathie.

Der Digitale Raum ist unendlich, geruchlos, per se geräuschlos, hat keine Temperatur und kein Licht.

Vielleicht sollten wir folglich besser von Digitall sprechen?

P.S.: Sehr schön nachdenken darüber, was Räume sind, kann man in der Ausstellung „Total Space“ im Museum für Gestaltung, noch bis 20. Juni 2021.

P.P.S.: Der englischsprachige Ausdruck „digital space“ bietet eine schöne Zweideutigkeit an: Raum und Lücke. Beides in einem Wort. Das passt doch ziemlich gut.

Ein Kunst-Trip der ganz besonderen Art

Natürlich ist es ein first world problem, aber Kunst und Kultur fehlen mir sehr. Keine Ausstellungen besuchen zu können, nicht ins Theater und nicht an Konzerte zu können, setzt mir mehr zu als ich gedacht hätte. Umso dankbarer bin ich, dass der grossartige Wetz und das ebenso grossartige KKLB-Team einen Kunst-Trip aufgebaut hat, der 24/7 geöffnet und frei zugänglich ist. Eine wunderbare Kombination von hochprofessionell und improvisiert!

So ist in der winterlich-trüb-kalten Luzerner Landschaft eine Insel der Kreativität entstanden, das ein Feuerwerk an Ideen zündet, hinter dem  ein nicht-elitäres Kunstverständnis steht, das mir sehr behagt. Und dass man auf diesem Trip auch noch eine Feuerwerksrakete in einem geschlossenen Raum abfeuern kann, ist auch ein besonderes Erlebnis.

Viel Luzerner Winterlandschaft und ein Schulbus, der Teil eines Kunstwerks werden möchte
Einblick in die geschlossene Ausstellung: Werk von Valentin Beck im Entstehen begriffen.
Hier überwintern Igel
Mitmachkunst: Erforschen des Verhaltens einer Feuerwerksrakete im geschlossenen Raum

Die Sonnenbahnen sichtbar machen: Solargrafie

Nachtrag Ende Januar: Dieses Posting stiess auf Interesse. Es haben sich die Zeitung und das Lokalfernsehen bei mir gemeldet und je einen Beitrag über Solargrafie gemacht. Im Fernsehen hier:
https://www.suedostschweiz.ch/sendungen/2021-01-26/auf-einem-bild-die-zeit-festhalten ; in der Zeitung hinter der Paywall, darum nur ein Screenshot:

Wenn man ein Fotopapier in eine Lochkamera packt und es ganz lang, Wochen oder gar Monate, drin lässt und die Lochkamera schön stabil in Richtung Sonne installiert, erscheint mit der Zeit ein Negativbild auf dem Papier, ganz ohne Entwickeln, auf dem sich die sich im Verlauf der Jahreszeiten verändernden Sonnenbahnen abzeichen. Das nennt man Solargrafie.

An unserm gegen Süden gerichteten Haus haben wir eine Bierdose befestigt, mit einem Loch in der Hülle und einem Fotopapier im Innern, und das Papier von Sommer- bis Wintersonnwende belichtet, also ein halbes Jahr. Und so sieht das in der Zeit entstandene Bild aus (als Positiv):

Die Kamera muss natürlich wind- und wetterfest und stabil montiert sein. Am besten eignen sich Getränkedosen – wir haben sie an einem am Haus verschraubten Blumenkistenhaken mit viel Panzerklebband befestigt:

Es gibt so etwas wie eine kleine, aber sehr feine „Solargrafie-Community“, eine Untergruppe der Lochkamera-Community, die sich auf Flickr und inzwischen vor allem auch auf Instagram vernetzt. Dort gibt es auch viele Bilder zu sehen:

  • https://www.instagram.com/explore/tags/solargraphy
  • https://www.instagram.com/explore/tags/solargraph
  • https://www.instagram.com/explore/tags/solargrafie
  • https://www.instagram.com/explore/tags/solargrafia
  • https://www.flickr.com/search/?text=solargraphy
  • https://www.flickr.com/search/?text=solargrafie
  • https://www.flickr.com/search/?text=solargrafia