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Die Jugend war schon immer die heutige

Mittagsgespräch mit dem 15jährigen Sohn, der sich sehr daran stört, wenn „Alte“ über die egoistische und faule Jugend herziehen – sie seien nämlich gar nicht so schlimm, und es sei sowieso schon seit jeher so, dass die Alten mit dem Neuen nicht umgehen können und dann darauf schimpfen und ausserdem sei es normal, dass Adoleszente etwas egoistischer seien, das komme von der Hirnentwicklung und gehe vorbei und sei abgesehen davon auch schon immer so gewesen…

… da erinnerte ich mich daran, dass vor den Sommerferien in der Stadtgärtnerei Zürich ein Netzwerktreffen stattfand, an dem sich Menschen trafen, die in Sachen nachhaltige Ernährung im Raum Zürich aktiv sind – auf Einladung von „Zürich isst„. Dort ist mir aufgefallen, dass es viele junge Menschen gibt, die etwas verändern wollen, etwas bewirken wollen, die sich für eine bessere Gesellschaft einsetzen. Viele von ihnen möchten dies nicht wie „wir“ früher, nicht in Totalopposition tun, sondern haben nichts dagegen, mit der Verwaltung, also dem „Staat“, oder gar mit der Wirtschaft zusammen tun. Die heutige Jugend ist also gar nicht so schlecht, im Gegenteil – und auf jeden Fall nicht durchwegs egoistisch. Also die „Centennials“, die Generation Z, die gibt es tatsächlich.

Wer herausfinden möchte, ob sie/er auch zu dieser aktiven, die Welt verbessernden Generation gehört – Watson hat den Test dazu.

  1. S. 1: Die ältesten Nörgelein an der „heutigen Jugend“ sind übrigens 5000 Jahre alt und auf sumerischen Tontafeln zu finden:
    „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“ 

P.S. 2: Die schönste Formulierung zur Angst der Alten vor dem Neuen kommt von Douglas Adams, aus „The Salmon of Doubt“:
„1. Alles, was es schon gibt, wenn du auf die Welt kommst, ist normal und üblich und gehört zum selbstverständlichen Funktionieren der Welt dazu. 
2. Alles, was zwischen deinem 15. und 35. Lebensjahr erfunden wird, ist neu, aufregend und revolutionär und kann dir vielleicht zu einer beruflichen Laufbahn verhelfen. 
3. Alles, was nach deinem 35. Lebensjahr erfunden wird, richtet sich gegen die natürliche Ordnung der Dinge.“

Unterm Strich gefällt mir die Redewendung „am Ende des Tages“. Oder umgekehrt.

Die Redewendung „am Ende des Tages“ ist definitiv auch bei uns angekommen – inzwischen sogar im Schweizerdeutschen. Kein Tag vergeht, vor dessen Ende sie mir nicht ein paar Mal begegnet ist.
Es ist eine aus dem englischen entlehnte Wendung. Doch obwohl sich mir in der Regel die Nackenhaare sträuben, begegne ich einer Manifestation von Verenglischung unserer Sprache, und trotz der Tatsache, dass der englische Originalausdruck „at the end of the day“ schon 2009 zur ärgerlichsten Bürofloskel des Jahres gekürt wurde – ich kann dieser Neuerung etwas abgewinnen. Ist sie doch ein klein wenig poetischer als die deutsche Entsprechung eher buchhalterischer Herkunft, die sie nach und nach ersetzt: Unter dem Strich.

Pinhole Day 2017

Seit 17 Jahren ist der letzte Sonntag im April „Internationaler Lochkamera-Tag„. So haben wir gestern also wieder einmal die Lochkameras geladen, noch rasch zwei neu gebastelt und sind losgezogen, bei sonnigem, also idealen Wetter. Die Belichtungszeiten sind so schon lang genug…

Ich hatte mir überlegt, dass wir einen Ort brauchen, der viel grafische Strukturen und hohe Kontraste zu bieten hat. Und ich wollte nicht die ewig-gleichen Eisenbahnschienen-Fotos oder Bilder von Denkmälern, häufige Sujets der Lochkamera-Fotografie. So spazierten wir auf das Gelände eines Altmetallhändlers und stellten die Kameras auf. Es hat funktioniert:

lochkamera in position

Lochkamera in Position

ergebnis

Das Ergebnis (Belichtungszeit: 20 Sekunden)

Die am Vorabend noch rasch zusammengebastelten Schachtelkameras mit verschiedenen Brennweiten richteten wir auf dasselbe Sujet, um den Unterschied sichtbar zu machen.

schrotthaufen

Grössere Brennweite – fast schon ein Teleobjektiv, resp. Teleloch

schrotthaufen

Kürzere Brennweite, eher Weitwinkel

Über das Pendeln

Ich pendle. Seit über 22 Jahren. Damit bin ich eine von 2500 GlarnerInnen, die mit dem Zug zur Arbeit fahren. Aus dem Kanton Glarus fahren mehr Menschen zur Arbeit raus als rein, im Kanton Zürich, meinem Pendelziel, ist es umgekehrt. 85’000 Menschen mehr fahren rein als raus.

Im Durchschnitt pendeln Schweizer PendlerInnen 14.5 km pro Strecke und brauchen dafür 29 Minuten. Ich brauche für die 75 Kilometer 80 Minuten, und bin damit gefährdet. Gefährdet, unglücklich zu werden, gefährdet, Kopfscherzen, Verdauungsprobleme, Schlafstörungen oder gar hohen Blutdruck oder Beziehungsprobleme zu bekommen. Sagt eine „amerikanische Studie“, die die Unglück-Schwelle bei 50 Minuten pro Arbeitsweg ansagt.

Das ist wohl nicht ganz falsch, gilt aber nicht uneingeschränkt: Die FAZ konsultiert zum selben Thema einen Arbeitspsychologen. Dieser hält fest: „Pendeln heute für viele Arbeitnehmer Teil ihrer beruflichen Selbstverwirklichung ist. War der Job früher ausschließlich zum Geldverdienen da, ist er heute für viele Menschen Teil ihrer Persönlichkeit. Man identifiziert sich stärker mit dem Beruf und will nicht einfach irgendwas machen. Für diese Menschen ist das Pendeln deshalb oft das kleinere Übel.“

Ich pendle nicht leidenschaftlich gern. Aber besonders schlimm finde ich es auch nicht. Zugegeben – es gibt eine Reihe von Umständen, die es mir leichter machen: 50 der 80 Minuten lege ich im nicht überfüllten Schnellzug zurück und kann es mir leisten, erster Klasse zu fahren. Die restlichen 30 Minuten kann ich, wenn ich möchte, zu Fuss zurücklegen, auf Kieswegen oder dem Wasser entlang. Ich habe einen schönen Arbeitsweg.

Wichtiger noch ist aber, dass ich mich nicht gezwungen fühle. Klar, ich hätte lieber einen kürzeren Arbeitsweg.

Ich liebe meine Arbeit, sie ist sinnvoll, interessant, nie langweilig, sie passt zu mir und meinen Werten und ist dadurch ein wichtiger Teil meiner Identität. Arbeitsstellen wie diese sind (fast) nur in der Stadt zu haben.

Gleichzeitig wohne gern da, wo ich wohne. Ich möchte nicht in der Stadt leben, mit einem Überangebot an Möglichkeiten, die mich eher lähmen als inspirieren. Ich möchte nicht in der Stadt leben und Tag für Tag von Verkehrslärm oder Menschenkrach geweckt werden. Ich möchte, dass es Nachts dunkel und ruhig ist. So habe ich eine Wahl getroffen.

Dass mich Pendeln nicht unglücklich macht, macht mich zwar auch nicht gerade zur Pendlerin aus Leidenschaft und Überzeugung – aber ich habe mich damit arrangiert und bin soweit zufrieden.

landleben

Das würde ich in der Stadt vermissen: Die Natur vor der Haustür (fast jedenfalls).

Quellen:

Pendeln gefährdet die Gesundheit, FAZ, 17.7.2015: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/taegliches-pendeln-zur-arbeit-gefaehrdet-die-gesundheit-13698053.html