Wenn man sich etwas autodidaktisch beigebracht hat, kommt es immer wieder vor, dass man ganz einfache Basics irgendwie verpasst hat. So geht es mir mit Farbfiltern. Lange hatte ich einfach einen leichten Gelbfilter auf dem Objektiv, wenn ich Schwarz-Weiss fotografiert habe oder einen Skylight bei Farbfilm. Als ich fotografieren gelernt habe, machten das alle so, um die Objektive vor Kratzern zu schützen.
Vor einer ganzen Weile schon habe ich in der Wühlkiste ein paar Filter gekauft. Orange, Rot, Grün, Blau. Kürzlich habe ich mich endlich mal informiert, welcher Filter welchen Effekt auslöst und einen Probefilm mit grün und rot durchfotografiert (mit der Minolta X700 auf Ilford Delta 400, entwickelt in Adox Rodinal).
Das macht Lust auf mehr:
Dramatische Stimmung dank Rotfilter
Der Grünfilter verteilt Grüntöne aufs ganze Spektrum von Weiss bis Schwarz
Am Freitag war wunderbares, klarsichtiges Wetter und ich hatte Lust, von oben auf mein Zuhause zu schauen. So reiste ich auf den Säntis, 2500 über Meereshöhe. Ich nahm meine alte Stereo Realist – Kamera mit, die ich vor vielen Jahren für sehr wenig Geld als „ungeprüftes Ausstellungsobjekt“ gekauft hatte, die aber noch wunderbar funktioniert.
Steckt man dieses Doppelbild in einen Stereobetrachter, sieht man die Bergwelt plastisch!
Ich hatte die Idee, in Richtung „zu Hause“ zu fotografieren – irgendwo sollte dann das „Vernelisärtli“ am Glärnisch auf dem Bild sein. Und weil ich daheim ein seit längerem abgelaufenes Bier mit dem Namen „Vrenelisgärtli“ rumstehen hatte, habe ich den Film in ebendiesem Bier entwickelt.
In der Kamera lag bereits ein Film, habe ich beim Packen festgestellt. Nach dem Entwickeln war klar: Seit fünf Jahren war der bereits drin!
Bei einer Starttemperatur von 28 Grad während 30 Minuten entwickelt, gut gefiltert vor dem Einfüllen, da unaufgelöste Sodakristalle die Negative zerkratzen können.
Stopp und Fix „konventionell“.
Die Negative sind sehr körnig geworden. Das mag an dem alten Film liegen, oder vielleicht auch daran, dass HP5, wenn er lange entwickelt wird, zum Körnigsein neigt?
Jetzt musste ich nur noch die beiden Bilder so in den Stereobetrachter bringen, dass sie auch wirklich Stereo aussehen. Das ist nicht ganz so einfach – das Bild links auf dem Negativstreifen muss rechts in den Betrachter, sie müssen beide das richtige Format haben und genau gleich ausgerichtet sein. Hochpräzises Arbeiten ist nicht meine grösste Stärke, hier aber notwendig. Heute habe ich das ausnahmsweise, weil ungeduldig, nicht im Fotolabor, sondern am Computer gemacht und auf Fotopapier ausgedruckt.
Es hat funktioniert, und der Effekt ist jedesmal wieder überwältigend, und ausschliesslich analog, im echten Leben, erfahrbar – zeigen kann ich das hier also nicht: Dafür müsstet ihr mich schon besuchen kommen ;-).
Bezugsquelle Betrachter: www.perspektrum.de
Das Vrenelisgärtli wäre deutlich weiter rechts…Stereobild vom Stereofeldstecher
P.S.: Ich habe nur diese drei (Doppel-)bilder gemacht auf dem Säntis. Ich bin froh, habe ich überhaupt fotografieren können: Die Aussichtsplattform ist ziemlich exponiert, ich bin ganz und gar nicht schwindelfrei und es hatte ziemlich heftige Böen. Ich bin für diese drei Bilder sehr, sehr weit aus meiner Komfortzone herausgetreten!
Dieses Bild von irgendwo aus den Alpen stammt aus dem (sehr) frühen 20. Jahrhundert. In dieser Zeit hat der Fotograf und Farbfotografie-Pionier Hans Hildenbrand Postkartenbilder hergestellt. Auf der Rückseite der Postkarte ist der Fotograf genannt, und auch das Verfahren: Farbenphotographische Aufnahme (Lumière).
Dieses Verfahren, die Autochromfotografie „Lumière“, ist das älteste Farbfotografie-Verfahren. Es ermöglichte es erstmals, farbige Glasdias herzustellen: Eine Glasplatte wird auf der einen Seite mit einem Gemisch aus rot, grün und blau gefärbter Kartoffelstärke beschichtet und auf der anderen Seite mit Fotoemulsion (es ist kompliziert; aber hier recht gut erklärt).
Ich hätte sehr gerne ein Autochrom-Bild aus dem Glarnerland, denn ich arbeite an einem Bildprojekt zum Thema Kartoffeln und Glarnerland. Da wäre ein Bild, das seine Farben letztlich Kartoffeln zu verdanken hat, eine schöne Sache.
Ich dachte auch kurz, ich hätte eins, nämlich diese schöne Postkarte hier:
Aber dann habe ich herausgefunden, dass Louis Glaser in Leipzig zwar Farbpostkarten herstellt hat, diese aber ab Fotografien (idealisiert) abgezeichnet und dann als Farblithografien gedruckt wurde. Schade!