Archiv des Autors: KatiaBlog

Fundstück – Fragment für einen Slamtext

Beim Aufräumen bin ich über ein Textfragment gestossen, den Anfang zu einem längeren Stück, den ich vor vier Jahren geschrieben habe – ich hatte diese Idee, mal an einem Slam teilzunehmen, habe einen Text angefangen und dann beschlossen, dass ich mich doch nicht trau‘.

Aber das Textfragment hier reinzustellen trau ich mich. Ist vom März 2014 und bildet leider mein Lebensgefühl immer noch ganz gut ab:

„Was erwartet ihr jetzt, wenn ich so dasteh’ – midlife-crisis-Mama hat einen creative writing Workshop gebucht, hätte auch Scrapbooking sein können oder etwas mit Design, so shabby chic-Restauration von überteuert gekauften wurmstichigen Möbeln, aber dieser Kurs wäre am Mittwoch Abend gewesen. Und dann ist jeweils „Mädelsabend“.
Es ist alles noch viel schlimmer, der Schein trügt. Er trügt immer, es ist immer viel, viel unsäglicher als erwartet, eigentlich bin ich ein Punk so innen drin, aber Punk ist so vorbei, und es ist auch nicht so Punk, in Erinnerungen an die gute alte Zeit zu schwelgen, sich zu freuen darüber, dass die Lieblingsband von früher immer noch systemkritische Texte schreibt in denen sich „unsympathisch“ auf „Soldat isch“ reimt.
Es ist alles noch viel schlimmer. Wir sind so brav, sammeln Abfall, in der DDR gab es ein schönes Wort dafür, SERO, Sekundär-Rohstoffe, hilfloser Versuch, etwas schönzureden, wir kompensieren unsere Ferienflüge CO2-mässig, passt schon, diese Flüge sind ja selber voll die Kompensation, wir haben so hart gearbeitet und das Geld brav in eine Solaranlage gesteckt, da haben wir Erholung verdient, eine Reise in ein Land, indem nicht alles so hektisch ist und dann brüskieren die Burmesen unser ökologisches Gewissen und lassen massenhaft Abfall am Strand rumliegen.
Wir sind so umweltbewusst, nachhaltig, achtsam und alles, und doch ist alles immer noch viel schlimmer.“

Von Glöckchenmenschen

Die Leitgeschichte der aktuellen Ausgabe des Magazins der Süddeutschen Zeitung wirft in den Kommentaren einige Wellen: Es geht um die „unsichtbare Frau“ (hinter der Paywall). Die Autorin Susanne Schneider beschreibt, wie mit dem Alter ihr Wahrgenommen-Werden nachlässt. Ihr Alter macht sie unsichtbar.

Das ist überhaupt kein neues Thema. Das schreibt die Autorin auch selber, sie hat ihre Hausaufgaben gemacht, so verweist sie z.B. auf den Film „Giulias Verschwinden„, und auf Susan Sonntags grossartigen Text „double standard of aging“ von 1972.  So gesehen erfahren wir im Artikel gar nichts Neues, ausser der Tatsache, dass die Autorin Schiss hat vor dem Älterwerden. Der Artikel hat also auf den ersten Blick ziemlich viele Punkte auf der #mimimi-Skala.

Darüber hinaus übersieht Susanne Schneider einen wichtigen Punkt: Das langsame Verschwinden mit dem Alter, das kennen in dieser Deutlichkeit nur Glöckchenmenschen.  Offenbar ist Schneider eine solche Glöckchenfrau. Glöckchenmenschen sind solche, deren Attraktivität dazu führt, dass sie überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit abbekommen. Ihre Umgebung reagiert reflexartig auf diese Attraktivität mit Aufmerksamkeit, genau so wie Pavlovs Hund aufs Glöckchen. Es gibt keinen Grund für diese Aufmerksamkeit, nur den Auslöser Attraktivität. Glöckchenmenschen müssen sich nicht anstrengen, um wahrgenommen zu werden.

Ein schöne-Menschen Problem also, das mit dem langsamen Verschwinden mit dem Alter? Es ist halt doch vor allem: Ein schöne-Frauen-Problem.  Ein Doppelstandardproblem. Und damit gesellschaftlich relevant, es ist kein rein persönliches, individuelles #mimimi-Thema verletzter Eitelkeit.

Der Doppelstandard, der in unserer Gesellschaft besteht, besteht darin, dass Männer einen Glöckchenfaktor haben, der Frauen absolut unzugänglich bleibt: Sie sind Männer. Damit haben sie viel Aufmerksamkeit auf sicher – und im Gegensatz zum Faktor Frauenalter legt der Glöckchenfaktor „Mann“ mit dem Alter an Bedeutung zu. Dennoch bin ich überzeugt: Auch Männer, die mit 25 attraktiv waren und mit 50 weniger Clooney-artig gereift, sondern eher etwas aus dem Leim gegangen daherkommen, kennen das Unsichtbarer-werden Phänomen, wenn wohl auch weniger ausgeprägt als Frauen in derselben Situation.

Glöckchenfrauen mutieren so um die 45 Jahre zu nicht-Glöckchenfrauen, ganz so, wie es Susanne Schneider in der Süddeutschen beschreibt. Ich war noch nie eine Glöckchenfrau und kenne dieses Phänomen also nicht aus eigener Erfahrung. Ich musste mir Aufmerksamkeit schon früh erarbeiten und fallweise erkämpfen. Das hat mich vermutlich etwas forsch gemacht – womit ich alles in allem aber gar nicht so schlecht fahre.  Das Leben als nicht-Glöckchenfrau hat seine Vorteile: Unterm Radar lässt es sich weit ungenierter alle möglichen Regeln verletzten. Und ich habe gelernt, mir Gehör zu verschaffen. Beides muss ich für meine angestrebte Zukunft als wilde Alte nicht mehr üben – ich kann’s ja schon.

(Disclaimer: Ich habe nichts gegen Glöckchenfrauen. Aber ich habe sehr viel gegen eine Gesellschaft mit Doppelstandards. Es ist traurig, wie treffend Susan Sontags Aufsatz nach fast 50 Jahren immer noch ist! Lesen!)

Vom Wundern und Staunen in Kammern

Ich liebe Wunderkammern. Sie lassen mich staunen und träumen von Reisen in andere Welten. Wenn immer mich eine Reise in eine Gegend führt, in der es eine hat, muss ich sie sehen.

Wunderkammern entstanden etwa ab dem 14. Jahrhundert. Es sind Sammlungen von Raritäten und Kuriosa aus Natur, Kunst und Wissenschaft; zusammengetragen und gezeigt mit der Absicht, etwas über die Welt zu verstehen. Betritt man eine Wunderkammer, muss man mit Narwalzähnen, optischen Instrumente, Skarabäen, Kunsthandwerk aus fernen Ländern, medizinischen Präparaten und so weiter rechnen. Wunderkammern gelten als Vorläufer der Museen.

Gedrechseltes zum Staunen in der Wunderkammer Jacob von Melles

Im Lübecker St.-Annen-Museum ist die Wunderkammer von Jacob von Melle zu besichtigen. Von Melle (1659-1743) war Pastor an der Lübecker St. Marien-Kirche und ein Universalgelehrter und Sammler. Seine Sammlung legte den Grundstock für das St. Annen-Museum, das in der Tat immer noch etwas von einer riesengrossen Wunderkammer an sich hat (inklusive obligatorischem Alligator und Kugelfisch in der Alchemistenstube).

In einem Raum des Museums ist die ursprüngliche Melle-Wunderkammer-Sammlung ausgestellt. Sie umfasst vorwiegend Kunst und Kunsthandwerk: Aeyptische Kleinstatuen, römische Vasen, chinesische Porzellanfiguren, die mit der Zunge wackeln, kunstvolle Drechseleien und als Krönung eine astronomische Uhr. Leider sind die einzelnen Objekte überhaupt nicht erklärt, aber das Museumspersonal ist sehr nett und hilfsbereit: An der Museumskasse bekamen wir den Dokumentations-Ordner der MuseumsführerInnen zur Einsicht, der zu allen Objekten Hintergrundinformationen bereithält.

Astronomische Uhr

Wikipedia listet eine Reihe von noch erhaltenen Wunderkammern auf. In der Liste fehlen aber drei wichtige und besonders schöne: Die Wunderkammer Obricht in Berlin, Harrys Hafenbasar in Hamburg und die Wunderkammer im Museum von Swansea (Wales). Alle drei einen Besuch sehr wert!

 

 

Eine neue Aufgabe

Vor einer Woche hat mich die Glarner Landsgemeinde ins Verwaltungsgericht gewählt. Meine Motivation, für dieses Amt zu kandidieren, habe ich im Wahlkampf so formuliert:

„Gesetze sind die Spielregeln, die sich eine Gesellschaft gibt, damit das Zusammenleben funktioniert. Das Verwaltungsgericht muss sicherstellen, dass nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Behörden und Verwaltung sich an die Spielregeln halten – etwas, das mir wichtig ist und zu dem ich gerne beitragen möchte.“

Und damit das wunderschöne Gratulationsplakat, das meine NachbarInnen für mich gemacht haben, nicht in den Untiefen meines Facebook-Feeds verschwindet, sei es hier ebenfalls verewigt: