Dieses Bild von irgendwo aus den Alpen stammt aus dem (sehr) frühen 20. Jahrhundert. In dieser Zeit hat der Fotograf und Farbfotografie-Pionier Hans Hildenbrand Postkartenbilder hergestellt. Auf der Rückseite der Postkarte ist der Fotograf genannt, und auch das Verfahren: Farbenphotographische Aufnahme (Lumière).
Dieses Verfahren, die Autochromfotografie „Lumière“, ist das älteste Farbfotografie-Verfahren. Es ermöglichte es erstmals, farbige Glasdias herzustellen: Eine Glasplatte wird auf der einen Seite mit einem Gemisch aus rot, grün und blau gefärbter Kartoffelstärke beschichtet und auf der anderen Seite mit Fotoemulsion (es ist kompliziert; aber hier recht gut erklärt).
Ich hätte sehr gerne ein Autochrom-Bild aus dem Glarnerland, denn ich arbeite an einem Bildprojekt zum Thema Kartoffeln und Glarnerland. Da wäre ein Bild, das seine Farben letztlich Kartoffeln zu verdanken hat, eine schöne Sache.
Ich dachte auch kurz, ich hätte eins, nämlich diese schöne Postkarte hier:
Aber dann habe ich herausgefunden, dass Louis Glaser in Leipzig zwar Farbpostkarten herstellt hat, diese aber ab Fotografien (idealisiert) abgezeichnet und dann als Farblithografien gedruckt wurde. Schade!
Röselerscheibe. Lumenprint auf altem Forte-Fotopapier, unfixiert (Katia Weibel, 2025)
Am Anfang stand eine schlichte Frage:
Die Kartoffel der Sorte „Röseler“ stammt aus Schwanden/GL. Aber was bedeutet das überhaupt? Wie lange muss die Einwanderung einer Pflanze her sein, dass sie einheimisch, ja gar „hiesigstämmig“ zu gelten beginnt?
Und dann bin ich unerwarteterweise darauf gestossen, dass die Glarner:innen und die Kartoffel eine speziell langjährige Beziehung haben!
Frühe Kartoffelfans in Glarus
Die ersten Kartoffeln kamen Ende des 16. Jahrhunderts in die Schweiz. Es heisst, dass 1565 König Philipp II. dem damaligen Papst Pius als königliches Geschenk Kartoffelpflanzen überreichte, worauf von Rom aus Schweizergardisten die Kartoffel in die Schweiz brachten – zunächst als Zierpflanze, und zuerst nach Basel und nach Glarus.
1596 wurde die Kartoffelpflanze das erste Mal in der Schweiz dokumentiert, im Herbar von Caspar Bauhin in Basel. Bauhin ist auch der Namensgeber des lateinischen Namens, «Solanum tuberosum [esculentum]». Interessant scheint mir hier insbesondere der Zusatz „esculentum“, essbar; dies, obwohl in Europa die Kartoffel bis weit ins 18. Jahrhundert als Zierpflanze und giftig galt (Heer und Blumer-Heer erwähnen 1846, dass Bauhin den Anbau der Pflanze empfohlen habe, was aber bald wieder in Vergessenheit ging.) (3).
C. Bauhin: Solanum Tuberosum [Esculentum]
Kartoffelpflanze, Cyanotypie (Katia Weibel, 2024)
Die erste Glarner Kartoffel: „Altröthen“
Angebaut wurden Kartoffeln in der Schweiz zuerst in den Alpen und Voralpen, weil dort kein Flurzwang herrschte, in Glarus bereits 1697 (1), importiert aus Irland von Jakob Strub von Schanden. Die von ihm mitgebrachte Sorte trägt den Namen „Altröthen, oder „althiesige“ (3).
Doch erst nach einer grossen Hungersnot im Jahr 1799 ging es schnell voran mit den Glarner Kartoffeln: Der Getreideanbau war rückläufig (das Tal ist zu feucht für regelmässige erfolgreichen Getreideernten), Saatenkooperationen entstanden und so wurden nicht nur auf den Allmeinden, sondern auch auf Kooperationsboden und auf privatrechtlich genutzten Flächen Kartoffeln angebaut – so viele, dass bereits wenige Jahre später die einseitige Ernährung ein Thema wurde (2). Im Glarner Arzt Konrad Schindler fand die Kartoffel einen eifrigen Fürsprecher (1). Ein weiterer Konrad Schindler war wenige Jahrzehnte später wieder ein Kartoffelhelfer: Als Politiker und Leiter des „Linthwerks“ trieb er den Ackerbau in Glarus und der Linthregion voran (1). Auch auf die Alpwirtschaft hatte der Aufschwung des Kartoffelanbaus im Tal grossen Einfluss – stand doch weniger Grasland zur Verfügung und die Zahl der Heualpen nahm zu (2).
Wie Kartoffeln auf den Tisch kamen
In den ersten Kartoffel-Boom-Jahren kamen im Glarnerland neben Kartoffeln vor allem Brot, Bohnen und Schweinefleisch auf die Tische (2).
(Zu diesem Thema möchte ich unbedingt noch mehr herausfinden – ich gehe davon aus, dass zb im Glarnerland auch Härdöpfelschnaps gebrannt wurde…)
Kartoffeln auf Glarner Tellern heute
Das wohl typischste Glarner Gericht ist die Kalberwurst, traditionell an der Landsgemeinde serviert – und zwar mit Dörrzwetschgenkompott und Kartoffelstock. Die Kartoffel spielt heute nur noch eine Nebenrolle im kulinarischen Repertoire des Glarnerlandes. Schade, eigentlich!
Ein Herz für Kartoffeln hat auch der Glarner Kochinfluencer Noah Bachofen – oder zumindest ein Herz für Pommes Chips: Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass Zweifel im Dezember 2025 die Variante „Aromat“ auf den Markt gebracht hat. Jetzt fehlt eigentlich nur noch eine Variante „Schabziger“…
Mit dem Projekt „Teilen auf dem Acker“ will KlimaGlarus den Kartoffelanbau im Glarnerland wieder ankurbeln. Aus diesem Projekt stammt auch die Kartoffel, die ich für das Lumenprint-Bild zum Beginn dieses Blogbeitrags verwendet habe.
Darüber, wie ich unterwegs Lumenprints mache, habe ich hier schon geschrieben. Schon viel, viel länger jedoch mache ich Cyanotypien unterwegs und habe inzwischen einen flexiblen und unkomplizierten Prozess erarbeitet. Da ich ihn noch nie hier beschrieben habe, hole ich dies nun nach:
Gestern waren wir auf einem Faltboot-Ausflug im Klöntal. Wir haben nicht nur das Faltboot eingepackt, ich hatte auch noch meine vorbereiteten Cyanotypie-Karten dabei:
Ich verwende Hahnenmühle-Aquarellpostkarten (die feinen, nicht die groben!, und beschichte sie mit Cyanotypie-Lösung.
Diese Karten werden in einer Blechschachtel verkauft, die kann ich als Transportbox verwenden. Sicherheitshalber mit der beschichten Seite nach unten und zusätzlich stecke ich sie noch in einen schwarzen Beutel.
Es ist Spätsommer, und auf 850 M.ü.M. bereits Frühherbst. Die Wiesen um den See sind lila getupft- die Herbstzeitlosen sind da. Am Klöntalersee wird viel gepicknickt und gegrillt, insgesamt ist dennoch alles sehr sauber und gepflegt, für mein „Abfallprojekt“ ist das erfreulicherweise kein guter Ort. Aber in einer Feuerstelle habe ich ein Gitter von einem Einweg-Grill gefunden. Da ich keinen Belichtungsrahmen dabei hatte, konnte ich dieses Stück Abfall gut nutzen, um die Herbstzeitlosen etwas zu fixieren.
(Ich mag den Einfluss des fehlenden Belichtungsrahmens auf meine Bilder eigentlich. Dennoch denke darüber nach, mir einen einfachen Belichtungsrahmen-Ersatz zu basteln – zwei kleine Plexiglasplatten und ein paar Klammern sollten eigentlich reichen und hätten im schwarzen Beutel Platz.)
Einmal Belichten ohne Festhalten – ich hoffe inständig, es kommt kein Windstoss. Die Blüte ist sehr leicht!
Und einmal Belichten mit Festhalten. Und dank des Wegwerfgrill-Gitters qualifiziert sich diese Bild dann gleich auch für das Abfallprojekt.
Die Cyanotypie-Chemie reagiert mit UV-Licht. Die belichteten Teile werden blau, die unbelichteten behalten die Originalfarbe des Papiers. Damit dieser Effekt sichtbar wird und haltbar bleibt, muss man die Cyanotypie-Chemie wieder aus dem Papier herauswaschen. Sie ist nicht giftig, daher ist es unproblematisch, dies direkt im See zu tun. Anschliessend kann man die Bilder an der Sonne trocken – fertig!
Das Bild schwimmt etwa 10 Minuten im Wasser.
Unser Kajak ist eine ziemlich gute Unterlage zum Trocknen.