Wie damals, als ich noch pädagogisch wertvolle Jugendbücher lesen musste (Juli Zeh: Leere Herzen)

Der mit Tempo erzählte Thriller „Leere Herzen“ von Juli Zeh war eine spannende Lektüre (wenn auch der Plot ein kleines bisschen abgeschmackt ist). Auch hatte ich immer wieder das Gefühl, persönlich ertappt worden zu sein von der Schilderung dieses Lebens in der nahen Zukunft (von der Milieustudie zweier saturierter, pragmatischer, abgelöschter Familien gleich zu Beginn zum Beispiel – Manufactum-Fans, autsch!), in der Gleichgültigkeit der Politik gegenüber und dadurch die NationalistInnen die Macht übernommen haben. Dennoch mag mich „Leere Herzen“nicht zu überzeugen – hätte ich mal vorher die Rezensionen gelesen, ich hätte mir die Lektüre vermutlich gespart:

„Das Feuilleton“ ist sich zwar nicht einig, warum genau der Roman nicht gut ist, aber in ihrer Nicht-Begeisterung sind sich die RezensentInnen weitgehend einig. Die einen kritisieren die zu blumige Sprache (FAZ), die anderen die zu einfallslose Erzählweise (Zeit). Für die einen einen hält der Thriller die Geschichte nicht zusammen (Spiegel) oder die Geschichte ist nur „streckenweise“ spannend (Süddeutsche), den anderen ist die Nahzeitdystopie zwar interessant, aber zu wenig ausgebaut (FAZ). Die WoZ findet die Hauptfigur unglaubwürdig, und für die taz ist der ganze Roman schlicht überkonstruiert und unerträglich pathetisch. Einzig vom Tagi gab es keinen Verriss, sondern Lob („Juli Zeh kann erzählen, und wie!“ – besonders differenziert ist das aber nicht, ich glaube, dem Rezensenten gefällt vor allem die „toughe Autorin“…).

Der Roman hinterlässt auch bei mir einen ziemlich schalen Nachgeschmack: Die Geschichte ist der Botschaft untergeordnet. Das mag ich nicht. Ich will nicht pädagogisch behandelt werden, Pamphlete oder Appelle sollen solche sein, und sich nicht in einen spannenden (?) Thriller verpackt in meinen Kopf geschmuggelt werden. Da fühle ich mich manipuliert, das konnte ich schon vor vierzig Jahren nicht leiden, als wir in der Schule „pädagogisch wertvolle Jugendbücher“ lesen mussten.

(1) Wohl zu keinem Buch bisher habe ich so viele Rezensionen gelesen (wenn auch leider erst hinterher) – ich hatte mir SO SEHR vorgenommen, Juli Zeh und ihre Bücher zu mögen – eine Frau! die politisch Stellung nimmt! -, dass ich lange suchte, um vielleicht doch noch eine Rezension zu finden, die mir dabei hilft…
Hier sind sie:
 Spiegel / FAZ / Süddeutsche / Zeit /taz / Tages-Anzeiger / WoZ

Soundtrack für einen lebensbejahrenden (suffizienten) Lebensstil

Suffizienz. Ein furchtbar technisches Wort.
Und ein furchtbar sperriges Prinzip noch dazu.

Dabei geht es ja nur darum: Wir dürfen nicht weiter so leben, wie wenn wir mehr als eine Erde im Gepäck hätten. Und so, wie es zur Zeit läuft, bräuchten wir gleich eine ganze Reihe von Reserve-Erden. Aber auch diese würden wir alle nur kaputt machen, wenn wir so leben, wie wirs tun:

Unser Lebensstil ist ausbeuterisch und ungerecht – gegenüber eines grossen Teils der Menschen im Jetzt, und gegenüber aller Menschen in der Zukunft.

Die Alternative: So leben, dass alle möglichst nicht mehr Ressourcen verbrauchen als den „gerechten Anteil ist“. Das heisst: auf jeden Fall weniger als zur Zeit. Eine nicht so verführerische Botschaft: Sie schadet der Wirtschaft. Und unser „Belohnungszentrum“ im Gehirn rebelliert: Verzichten? Freiwillig abgeben? Aber sicher nicht als Erste, jedenfalls!

Ein an Materiellem genügsamerer Lebensstil ist nicht attraktiv, jedenfalls nicht, wenn man nicht auf einer wie auch immer gearteten „sprituellen Reise“ ist, sondern einfach so ganz normal leben will. Und auch wenn man sich „eigentlich“ dazu entschlossen hat, ist Durchhalten manchmal ganz schön schwer. Wie kann man’s lustvoll, lebensbejahend machen?

Kultur kann helfen. Ein Baustein dazu: Der passende Soundtrack. Die Schwierigkeit: Ich finde fast nur Lieder, die das Problem benennen, ich hätte gerne mehr Lieder auf meiner Playlist, die die schönen Seiten des „suffizienten Lebensstils“ preisen. Wer hilft mir sammeln? Damit „Hüt wert onaniert“ von Knöppel nicht das einzig lustvolle Stück auf der Liste bleibt.

… meine Playlist so far:

https://open.spotify.com/embed/user/117603861/playlist/52wAawWXHnF7Pvnw4C875I

P.S.: Spotify hat leider seine Grenzen. Nicht nur fehlt mit Baby Jails „never change a winning team“ das beste Suffizienz-Lied ALLER ZEITEN, auch der Iisbäremörder von Heinz de Specht ist nicht zu finden. Aber auf Youtube ist es, und erst noch im wunderschönen „Ökobeichtstuhl„-Look:

Ich bin zu schüchtern für „street photography“

Ich würde so gern Strassenszenen fotografieren. Das Gewimmel am Bahnhof zum Beispiel. Mein Pendlerleben photographisch verarbeiten. Aber ich bin viel zu schüchtern, um meine Kamera einfach so auf wildfremde Menschen zu richten. Und nochmal mehr zu schüchtern, um gar vorher zu fragen.

„street photography“ ist eine rechtliche Grauzone. Einzelpersonen in den Mittelpunkt stellen darf man ungefragt nicht, das verletzt das Recht am eigenen Bild. Aber ab wann ist eine Person nicht mehr im Mittelpunkt? Wann gilt die Aufmerksamkeit der Betrachtenden eines Bildes nicht mehr einer Einzelperson?

Beim samstäglichen Photospaziergang durch die Stadt habe ich festgestellt, dass es mir etwas leichter fällt, mit der analogen Kamera so zu fotografieren, dass auch Menschen drauf sind. Die altmodische Kamera signalisiert: Das Bild, das hier entsteht, landet nicht sofort im Internet. Ich muss an meiner alten Practica ziemlich lange herumhantieren, bis Beleuchtung und  Schärfe richtig eingestellt sind; so lange, dass sich niemand mehr gemeint fühlt, bis ich so weit bin.

Dennoch – auch mit der Practica kostet mich schon so etwas ziemlich Überwindung:

Samstag Nachmittag im 13er in Zürich

Gebäude sind für schüchterne Menschen einfacher zu photographieren. Auch wenn man ziemlich auffällt, wenn man minutenlang auf der Insel in der Mitte eines Fussgängerstreifens steht. Ich falle nicht so gern auf.

Auch das ist Samstag Nachmittag in der Stadt.

Ungefähr so fühle ich mich dann:

Dem nackten Jüngling im Klingenpark ist auch nicht ganz wohl in seiner Haut.

(alle Bilder aufgenommen am 3.2.18, Kamera: Practica LTL 3 / Film: HP5 400 ASA)

Franzobel: Das Floss der Medusa

Ich mag keine historischen Romane. Ich mag diese falsche Nähe nicht, die in historischen Romanen erzeugt wird, dieses Pseudo-Dabeisein-Können weckt in mir Unbehagen. Ich finde es falsch.

Und darum mag ich Franzobels Art, diese zweihundert Jahre alte Geschichte einer Katastrophe zu erzählen. Franzobels Erzählperspektive ist die eines allwissenden Erzählers, aber eines, der sich seiner selbst bewusst ist. Immer wieder sind kleine Verfremdungen eingestreut, (z.B.: „Deeskalieren würde man das heute nennen, aber 1816 war noch niemand psychologisch geschult, …“, S. 330).

Die Verfremdungen – alle paar Dutzend Seiten eine, also sparsam dosiert, sie verkommen nicht zur Masche – haben auf mich noch eine weitere Wirkung: Ich bin mir beim Lesen bewusst, dass sich hier einer die Mühe nimmt, mir eine Geschichte zu erzählen. Ich fühle mich angesprochener und als Leserin wertgeschätzt. Diese Einwürfe haben etwas Mündliches an sich.Ein Geschichtenerzähler, eine Geschichtenerzählerin, die eine Geschichte mündlich einem anwesenden Publikum erzählt, muss sich zwar nicht in Erinnerung rufen, da sie/er sicht- und hörbar anwesend bleibt. In einem Roman ist der, der die Geschichte erzählt, nur in solchen Einwürfen anwesend. Und beide, ob ab- oder anwesend, verweisen, wollen sie das Publikum nah an die Geschichte bringen, auf die Lebens- und Erfahrungswelt des Publikums.

Der Roman erzählt die Geschichte einer Katastrophe mit Anlauf, eine Schiffsreise, die auf einem Schiff beginnt, das von einem von komplett unfähigen Kapitän befehligt wird, der von der korrupten französischen adligen Marine an die Macht gehievten wurde. Die Reise gipfelt in einem Schiffbruch, den Teile der Besatzung und der Passagiere zwar hat kommen sehen, aber verstrickt in Adelsgesellschaft und Gehorsam nicht zu verhindert wagte, und der brutalsten Überlebenskampf nach sich zieht – und endet mit Verleugnen, Vertuschen und mundtot machen der Überlebenden.

Grösstenteils ist die Geschichte aus der Perspektive des Schiffjungen Viktor erzählt, der historisch nicht belegt ist – auch das ein erzählerischer Entscheid, der verhindert, dass „Das Floss der Medusa“ ein historischer Roman ist. Denn so ist die Erzählung trotz der extremen Faktentreue – soweit die Fakten bekannt sind – ganz klar eine Dichtung und spielt nie Wirklichkeit vor. Der Roman wechselt ab und zu in die Perspektive des Schiffsarztes Savigny, zu Beginn noch spärlich, gegen Ende immer häufiger. Von Savigny gibt es einen Bericht über die Katastrophe, also genug O-Ton-Material, um ohne zu „histörelen“ aus dessen Perspektive berichten zu können.

Die Fakten zur Katastrophe gibt es auf Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Méduse ), die Stimmung dazu bei Franzobel.