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mutter ist nicht mein Pronomen

Seit Wochen tu‘ ich mich schwer: Ich möchte gerne meine Pronomen in meine div. online-Bios schreiben. Immer wieder editiere ich meine Profile, schreibe sie/she – und lösche es dann wieder. Ich fühle mich nicht wohl damit, es beschreibt mich irgendwie nicht ausreichend.

Es stört mich zwar nicht, wenn mich Menschen „sie“ nennen, ich bin auch einigermassen im Reinen mit meinem angeborenen Körper. Na ja, so sehr im Reinen, wie ich es als weiblich gelesener, nicht normschöner und in den 70ern auf dem Land als Frau sozialisierter Mensch eben sein kann, jedenfalls. Mein Körper war dreimal schwanger, hat drei Säuglinge gestillt und das war gut so. Ich will keinen andern, ich hab‘ den halt und finde es in Ordnung so (-> „ok with default“).

Aber sie/she SELBER über mich schreiben? So als erstes Hauptmerkmal? Das fühlt sich falsch an.

Diesen Sommer hat nun einer der Sprösslinge in meiner Hörweite Freund:innen gegenüber von „my mom“ gesprochen – das hat sich SO DERMASSEN falsch angefühlt, ich hätte fast reingerufen: Bitte nicht! Ich identifizere mich nicht mit „Mama“, respektive nicht mit dem, was da alles so an gesellschaftlichen Erwartungen dranhängt. Ich habe (inzwischen erwachsene) Kinder, ja; drei Stück sogar, und zwar (meistens) gern. Ich bin deren biologische Mutter und habe sie als eins von zwei Elternteilen mit auf- und erzogen. Aber „Mama“ – nein, das beschreibt mich nicht. Mama reduziert mich auf ein Set von erwartetem Verhaltens- und Interessenrepertoire. Das ich nicht erfülle und nicht erfüllen will.

mutter ist nicht mein Pronomen.

Das hätten wir also schon mal. Aber fast genauso falsch wie „Mama“ als Haupteigenschaft auf mich zu beziehen fühlt es sich auch an, sie/she als erstes (!) in meine Profil-Bios zu schreiben. So falsch, wie wenn mich einer fragt: „sag mal, du als Frau… kannst du mir mal erklären, warum Frauen sich so oder so verhalten…“ Denn ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll; denn dass ich eine Frau bin, ist nicht das, was für mein Ich-Gefühl die relevanteste Kategorie ist. Da sind andere Eigenschaften gefühlt viel relevanter. Alter, Klasse, links sein, Interessen zum Beispiel. „Ich als Frau…“ ist nur dann eine relevante Kategorie, wenn ich auf Grund meiner nicht-Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht/Gender diskriminiert werde (darum bin ich Feministin).

Ich hab‘ jetzt „used to she“ geschrieben.

Auf reddit habe ich kürzlich den schönen Satz gelesen: „My pronouns are no pronouns, because I do not want to participate in „Gender“. Ich will bei diesem Genderding auch nicht mitmachen; ich kämpfe gegen Genderstereotype seit ich fünf Jahre alt bin und mir im Kindergarten einen Platz an der Modelleisenbahn erarbeitet habe (das war im Fall nicht einfach! 1972!).

Vielleicht hätte ich ja auch lieber gar keine Pronomen.

Flugscham ernst nehmen

Wir haben Flugscham, wir haben Fleischscham, wir haben Kleiderkaufscham. Wir fliegen, essen Fleisch und kaufen Kleider, obwohl wir wissen: Fliegen, Ernährung, Fast Fashion sind zentrale Klimaerwärmungstreiber. Wir wissen auch: Wichtig ist Wandel auf Systemebene. Einzelne Handlungen einzelner Menschen sind im Einzelfall fast irrelevant – und darauf hinzuarbeiten, wie es die Neoliberalen Ideolog:innen gerne hätten, dass alle Einzelnen sich dazu entschliessen, alle ihre einzelnen Handlungen klimaneutral(er) zu machen, dauert bestenfalls viel, viel zu lange und ist realistischerfalls sowieso unrealistisch.

Dennoch schämen wir uns weiter. Wie Luise Neubauer dies in der Pierre Krause Show vom 12.9.21 auf den Punkt gebracht hat: Du kannst schon versuchen, zu fliegen ohne dich zu schämen, aber die Flugscham ist nun mal da, die kriegst du nicht mehr weg.

Dieses Gefühl müssen wir ernst nehmen. Menschen wollen, dass ihre Handlungen zu ihren Werten und Überzeugungen passen. Fliegen tut das bei sehr vielen Menschen nicht mehr – und dennoch tun sie es nach wie vor. Das erzeugt eine Spannung, wir schämen uns – und versuchen, die Spannung aufzulösen, in dem wir unsere Werte und Überzeugungen verdrängen oder gar anpassen. Das stabilisiert ein System, dem wir letztlich diese Spannung zu verdanken haben: Die fehlende Kerosinbesteuerung, die schlechten internationalen Zugverbindungen, das Billigfleisch, ausbeuterische Produktionsprozesse in der Textilindustrie.

Graffiti, Livorno 2020

Wir müssen als Gesellschaft an einen Punkt kommen, dass die Spannung, die durch das auseinanderklaffen individueller Werte und Verhaltensweisen auslöst, ausgehalten wird – das ist eine schwierige Sache! – und die dadurch erzeugte Energie nicht im Verdrängen der Werte, sondern in Handlungen transformiert wird: Bestenfalls wird die Energie nicht komplett in Anpassung des eigenen Verhaltens gesteckt, sondern in Arbeit an der Veränderung des Systems – eines Systems, das näher an den Werten und Überzeugungen ist. Das löst diese Spannung nämlich viel nachhaltiger auf.

P.S.: Es gibt Menschen, die haben sozusagen Meta-Flugscham, sie schämen sich für ihre Scham und kokettieren dann wild in der Gegend herum, wie dieser Fragesuchende, der sich heute an den grossartigen Peter Schneider gerichtet hat.

Lechts und Rinks …

Lechts und Rinks kann man velwechsern, das hielt schon der grossartige Elnst Jandr fest.

Ob man Rechts und Links hingegen vertauschen kann, ist eine Frage, die schon den einen oder die andere zum Haare raufen veranlasst hat – so muss man annehmen, angesichts der zahlreichen Erklärvideos (hier ein kurzes Beispiel) , die die Frage zerpflücken: „Warum verstauscht ein Spiegel links und rechts, aber oben und unten nicht?“ Nun – ein normaler Spiegel tut das gar nicht. Er spiegelt. Das heisst, er vertauscht vorne und hinten. Unser Sprechen über den Spiegel führt uns auf eine falsche gedankliche Bahn.

Will man einen Spiegel haben, der tatsächlich rechts und links vertauscht, muss man dafür ein ganz kleines bisschen basteln. Eine Schachtel, ein Japanmesser, zwei Spiegelkacheln und ein paar Zentimeter Teppichklebeband reichen dafür aus:

Sich in einem solchen Spiegel zu betrachten, ist ziemlich ungewohnt, und sich davor die Zähne zu putzen, ist eine echte Herausforderung.

Bonus-Effekt: Dreht man den Spiegel um 90 Grad, tauscht er oben und unten.

Bonus-Tatsache: Videokonferenzen stellen die anderen Teilnehmer.innen „richtig herum“ dar, sich selber sieht man aber gespiegelt. Damit es nicht zu schwierig wird, wenn man per Videokonferenz gemeinsam Zähne putzt, vermutlich.

Dystopien lesen (oder auch nicht)

Ich hatte immer schon einen Hang zu Science Fiction, seit Max Kruses „Urmel fliegt ins All“, und Sience Fiction ist praktisch durchwegs dystopisch (auch die Urmel-Geschichte hat zumindest dystopische Elemente).

(Warum eigentlich? Hat mir jemand Tipps für nicht-dystopische Science Fiction? Ausser Becky Chambers, deren Wayfarer-Geschichten erstaunlich un-dystopische Seiten haben, kenne ich kaum etwas. Und nur weil etwas lustig ist, heisst es nicht, dass es sich nicht um eine Dystopie handelt – wie z.B. der Hitchhiker’s Guide to the Galaxy .)

Aber in letzter Zeit ist mir die Lust am Dystopien lesen vergangen. Die Zeitung reicht eigentlich. Und dennoch habe ich das Bedürfnis, mich auch mit Geschichten mit der Gegenwart und möglichen Zukunften auseinanderzusetzen – darum habe ich dieses Jahr Romane gelesen wie z. B. „Die Mauer“ (John Lanchester), „Maschinen wie ich“ (Ian McEwan), Brave new world (Aldous Huxley), und – natürlich! – den grossartigen Roman „GRM Brainfuck“ von Sibylle Berg.

Heute in der Lieblingsbuchhandlung jedoch habe ich „Schönes Neues England“ von Sam Byers wieder ins Regal zurückgestellt. Die Sunday Times verspricht, es sei  „ein genialer Roman über den Onlineausverkauf der Seelen“, und der Verlag beschreibt die Geschichte als eine Auseinandersetzung mit „einer ach so schönen neuen Welt: Wie wollen wir wohnen und arbeiten? (…) das Panorama einer Gesellschaft nach dem Brexit, deren Verwerfungen auch die persönlichsten Beziehungen erschüttern.“

Es wurde mir auf einmal zu viel. Ich will unsere schreckliche Gegenwart und Zukunft nicht unbedingt ständig als Thema meiner Lektüre. Als Realität, in der die erzählten Geschichten spielen, jedoch schon. Aber ich muss nicht erst eine Geschichte lesen,  um zu glauben, dass es um unsere Zukunft düster bestellt ist, das glaube ich auch so – ich möchte lieber mehr Geschichten lesen, die Ideen entwerfen, wie menschliches Leben in dieser Zukunft aussehen könnte.

Ich habe dann „Duffy“ von Dan Kavanagh gekauft. Ein rabenschwarzer 80er-Jahre-Krimi. Zur Zeit ist mir schreckliche Vergangenheit lieber als schreckliche Zukunft.