Kategoriearchiv: Dunkelkammer

Altes Bier, alter Film und Blick vom Säntis

Am Freitag war wunderbares, klarsichtiges Wetter und ich hatte Lust, von oben auf mein Zuhause zu schauen. So reiste ich auf den Säntis, 2500 über Meereshöhe. Ich nahm meine alte Stereo Realist – Kamera mit, die ich vor vielen Jahren für sehr wenig Geld als „ungeprüftes Ausstellungsobjekt“ gekauft hatte, die aber noch wunderbar funktioniert.

Steckt man dieses Doppelbild in einen Stereobetrachter, sieht man die Bergwelt plastisch!

Ich hatte die Idee, in Richtung „zu Hause“ zu fotografieren – irgendwo sollte dann das „Vernelisärtli“ am Glärnisch auf dem Bild sein. Und weil ich daheim ein seit längerem abgelaufenes Bier mit dem Namen „Vrenelisgärtli“ rumstehen hatte, habe ich den Film in ebendiesem Bier entwickelt.

In der Kamera lag bereits ein Film, habe ich beim Packen festgestellt. Nach dem Entwickeln war klar: Seit fünf Jahren war der bereits drin!

Bierentwickler-Rezept

Bei einer Starttemperatur von 28 Grad während 30 Minuten entwickelt, gut gefiltert vor dem Einfüllen, da unaufgelöste Sodakristalle die Negative zerkratzen können.

Stopp und Fix „konventionell“.

Die Negative sind sehr körnig geworden. Das mag an dem alten Film liegen, oder vielleicht auch daran, dass HP5, wenn er lange entwickelt wird, zum Körnigsein neigt?

Jetzt musste ich nur noch die beiden Bilder so in den Stereobetrachter bringen, dass sie auch wirklich Stereo aussehen. Das ist nicht ganz so einfach – das Bild links auf dem Negativstreifen muss rechts in den Betrachter, sie müssen beide das richtige Format haben und genau gleich ausgerichtet sein. Hochpräzises Arbeiten ist nicht meine grösste Stärke, hier aber notwendig. Heute habe ich das ausnahmsweise, weil ungeduldig, nicht im Fotolabor, sondern am Computer gemacht und auf Fotopapier ausgedruckt.

Es hat funktioniert, und der Effekt ist jedesmal wieder überwältigend, und ausschliesslich analog, im echten Leben, erfahrbar – zeigen kann ich das hier also nicht: Dafür müsstet ihr mich schon besuchen kommen ;-).

Bezugsquelle Betrachter: www.perspektrum.de
Das Vrenelisgärtli wäre deutlich weiter rechts…
Stereobild vom Stereofeldstecher

P.S.: Ich habe nur diese drei (Doppel-)bilder gemacht auf dem Säntis. Ich bin froh, habe ich überhaupt fotografieren können: Die Aussichtsplattform ist ziemlich exponiert, ich bin ganz und gar nicht schwindelfrei und es hatte ziemlich heftige Böen. Ich bin für diese drei Bilder sehr, sehr weit aus meiner Komfortzone herausgetreten!

Granatapfel-Entwickler

Kürzlich habe ich einen Granatapfel gekauft, der sich beim Rüsten als halb verdorben herausgestellt hat. Ich habe ihn nicht direkt kompostiert, sondern die noch einigermassen passablen Teile kleingeschnitten, mit heissem Wasser übergossen, die Schale eines anderen Granatapfels hinzugefügt und das ganze ein paar Tage stehengelassen. Der so entstandene „Tee“ war die Grundlage für einen selbstgemachten Filmentwickler:

  • 500 ml Granatapfel-„Tee“
  • 40 g Soda
  • 10 g Vitamin C
  • 0.5 g Kaliumbromid

Damit habe ich einen 2020 abgelaufenen und heute mit der Rolleiflex „verfotografierten“ Ilford-Delta-400-Film 12 Minuten lang bei 39 Grad entwickelt.

Et voilà – es war ein heisser Sommertag, heute:

Zwei Tage später habe ich den selbstgebrauten Entwickler verwendet, um einen Abzug zu machen. Dabei habe ich gelernt:

  • Mit RC-Papier hat es nicht funktioniert, auf Baryt jedoch schon.
  • Obwohl die Negative einen deutlichen Orange-/Rotstich haben, funktioniert der Abzug auf Multigradepapier.
  • Für das Entwickeln im Granatapfelentwickler habe ich das Papier dreimal so lange belichtet wie für das Entwickeln im Standardentwickler.
  • Die Entwicklungszeit ist sehr lange: 6-8 Minuten. Auch habe ich recht lange gewässert, und schon zwischen Entwickeln und Stopp ein Wasserbad dazwischengeschaltet, um den Granatapfel-Soda-Brei nicht im Fixierer zu haben. Das lange Bad weicht das Papier sehr auf, es ist dann sehr empfindlich. Mit Wäscheklammern zum Trocknen aufhängen geht nicht mehr.
Abzug auf abgelaufenem Ilford RC Multigrade-Papier

Abzug auf abgelaufenem Orwo Baryt-Papier

Bärlauch in der Dunkelkammer

Analoges Fotografieren ist ein nicht besonders naturnaher Prozess. Die Dunkelkammer ist ein kleines Chemielabor, es ist viel Plastik im Spiel und man arbeitet mit Substanzen, die als Sondermüll entsorgt werden müssen.

Man kann also versuchen, Chemikalien zu verwenden, die weniger umweltbelastend sind als herkömmliche Fotochemikalien. Oder man kann mit alternativen Fototechniken experimentieren wie Cyanotypie oder noch chemikalienärmer: Anthotypie. Man kann aber sogar noch experimenteller werden und pflanzenbasierte Entwicklerflüssigkeiten selber herstellen – ein Feld, auf dem das London Alternative Photography Collective mit dem Sustainable Darkroom Projekt forscht und experimentiert. Dem Sustainable Darkroom Projekt habe ich auch das Rezept für mein erstes Experiment zu verdanken.

Um analoge Filme zu entwickeln, muss man die Silberverbindungen auf den Negativen zum Reagieren bringen – so dass die belichteten Stellen anders reagieren als die unbelichteten. Das gelingt z.B. mit Kaffeesäure und Vitamin C. Kaffeesäure ist bei weitem nicht nur in Kaffee enthalten, sondern auch in Bärlauch. Fermentierter Bärlauch – angereichert mit Vitamin C – eignet sich offenbar auch als Entwickler.

Fermentierter Bärlauch riecht ziemlich stark, aber zum Glück doch etwas weniger stark als ich mir das vorgestellt hatte. Dennoch bin ich froh, einen Occasion-Negativtank besorgt zu haben, um die normalen nicht zu stark zu beduften. Nach dem Entwickeln müssen die Negative dann noch fixiert werden. Auch dafür braucht es nicht unbedingt hochkomplexe und giftige Chemikalien – eine gesättigte Kochsalzslösung tut es auch (allerdings braucht es Geduld – 24 Stunden statt ein paar Minuten).

Die Papierabzüge habe ich anschliessend ganz konventionell mit der Laborchemie von ars imago (immerhin basierend auf ökologisch optimierten Rezepturen) entwickelt. Der Bärlauchsaft war mir dann doch etwas zu intensiv im Geruch für die kleine Dunkelkammer – beim Papierentwickeln hätte er in der flachen Schale recht lang Zeit bekommen, sich zu entfalten.

Ressourcen für nachhaltige und alternative Fotografie: